MARC PAIN

Geh nicht dorthin



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   ISBN: 9783847607922  •  Seiten: 38  •  Preis: 1,99 €   

Es gab kein Entkommen. Geräuschlos und rasend schnell verfolgte sie die Gefahr. Zitternd vor Angst und zitternd vor lauter Kälte standen die neun Wanderer vor dem kleinen Feuer, das jeden Moment auszugehen drohte. Etwas Schemenhaftes huschte am Waldrand vorbei, etwas, das auf der Suche nach ihnen war. Zinaida unterdrückte einen Panikschrei und umklammerte Igors Unterarm.
   »Lass uns von hier verschwinden! Wir sollten zurück ins Lager«, hauchte Zinaida, mit vor    Entsetzen aufgerissenen Augen und weinerlicher Stimme.
   »Zina hat recht«, stimmte Igor der jungen Studentin zu und wandte sich dabei an die anderen Gruppenmitglieder. »Wir müssen zurück ins Lager, ansonsten erfrieren wir hier draußen. Nicht mehr lange, dann wird das Feuer ausgehen und wir der Kälte schutzlos ausgeliefert sein.«
   »Man wird uns umbringen, wenn wir den Wald wieder verlassen! Wir sind tot, noch bevor wir das Lager erreichen. Hier im Wald sind wir immerhin vor dem Wind geschützt«, stieß Alexander hervor und sprang währenddessen auf der Stelle auf und ab.
   »Alex hat recht, wir sollten hierbleiben, versuchen das Feuer am Leben zu halten und uns gegenseitig warmzuhalten«, flüsterte Lyudmila mit zitternder Unterlippe.
   »Ja, wir sollten hier bleiben. Da draußen wartet der sichere Tod!«, kam es von Nicolas.
   »Ebenso wie hier! Ich bin dafür, dass wir zum Lager zurückzukehren«, hielt Rustem dagegen.
   »Ich werde hier sicherlich nicht erfrieren! Wir müssen zurück zum Lager, um unsere Kleidung und Ausrüstung zu holen. Ich spüre meine Füße bereits nicht mehr.« Igor rieb sich die eigenen Schultern, während er sprach. »Zina, Rustem und ich werden zum Lager gehen und mit Kleidung zurückkehren. Ihr werdet hier warten und darauf achten, dass das Feuer nicht ausgeht.«
   Alle nickten zustimmend.
   »In Ordnung! Lasst uns gehen«, rief Igor aus und marschierte los. Bereits nach kurzer Zeit verschwanden sie aus dem Blickfeld der anderen. Ihre Schritte, das Knirschen des Schnees, war noch eine Weile länger zu hören.
   Die Flammen strahlten kaum noch Hitze aus und die sechs Wanderer rückten immer dichter an das kleine Feuer heran. Sie versuchten sich mit allen verfügbaren Mitteln warmzuhalten – der Eiseskälte irgendwie zu trotzen.
   Um die Durchblutung anzuregen, rubbelten sie sich gegenseitig die Körper und Beine ab. Ununterbrochen rieben sie die Hände aneinander, hielten sie sich vors Gesicht und hauchten hinein. Sie traten und sprangen auf der Stelle oder machten Kniebeugen. Absolut nichts wurde unversucht gelassen, um die Körpertemperatur vor einem tödlichen Sturz zu bewahren.
   Plötzlich war es da. Die lautlose Gefahr. Ein wahrgewordener Albtraum. Der blanke Horror – das manifestierte Böse. Wie aus dem Nichts tauchte es vor der kleinen Gruppe auf.
   »LAUFT!«, schrie Alexander und rannte blindlings in den dunklen Wald hinein. Die restlichen Gruppenmitglieder folgten ihm. Alle, bis auf Georgy und Doroshenko. Wie gefesselt, vollkommen erstarrt, vor lauter Entsetzen, blickten sie ihrem sicheren Tod entgegen.
   Erst als es längst zu spät war, kehrte der natürliche Fluchtinstinkt zurück. Unentschlossen sahen die jungen Männer sich um.
   »Los auf den Baum«, riet Doroshenko und deutete auf die Kiefer, unter der sie Schutz gesucht und das Feuer entzündet hatten. Von der Furcht getrieben versuchten sie sich an den Ästen des Baumes hinaufzuziehen. Die meist sehr dünnen, noch jungen, Zweige brachen unter dem Gewicht der Männer. Beim Hinabstürzen rissen sie sich die Haut ihrer unbekleideten Körper, an der rauen Rinde des Nadelbaumes, auf. Nur Georgy gelang es letztlich den Baum zu erklimmen, während sein Freund nach dem letzten Sturz erschöpft und regungslos liegen geblieben war.
   »Doroshenko! Steh wieder auf, komm schon! Yuri?«
   Doch Yuri Doroshenko zeigte keine Regung mehr und blieb auf dem kalten Waldboden liegen. Georgy klammerte sich an den Stamm der Kiefer fest und schluchzte verängstigt. Seine Hände schmerzten fürchterlich und allmählich verließen ihn die Kräfte und er verlor das Gefühl in den Gliedern.
   Abwechselnd führte er seine Hände zum Mund und hauchte sie an. Er versuchte seine Finger zu bewegen, seine Hand zu einer Faust zu formen, doch das Gefühl wollte nicht zurückkehren.
   Verzweifelt biss er sich in die Hände, in der Hoffnung, die Durchblutung damit zu verstärken. Dabei riss er sich das eigene Fleisch aus den Handrücken, die so taub und blutleer waren, dass er davon nicht einmal etwas mitbekam.
   Aufgelöst schaute Georgy auf den Waldboden hinab. Nur mit Unterwäsche bekleidet, lag Doroshenko leblos zu den Wurzeln der Kiefer, unweit der Feuerstelle, die inzwischen erloschen war. Georgy trug ebenfalls nichts außer seiner Unterwäsche. Fluchtartig hatte die Gruppe ihre Zelte verlassen müssen, anderenfalls hätte man sie umgebracht, daran hatte es keinen Zweifel gegeben.
   »Doroshenko komm schon, jetzt steh endlich auf«, schluchzte Georgy verzweifelt. Vom Baum wieder hinabzuklettern traute er sich nicht. Er spürte, dass die Gefahr noch nicht gebannt war. Sie lauerte im Dunkeln und wartete auf ihn. Kurz vor seinem Ende erinnerte er sich an die Worte von Alexander, daran, welchen Namen das alte Mansenvolk diesem Ort gegeben hatte.
   »Wir hätten niemals hierhergehen dürfen«, bereute Georgy und wünschte sich an einen anderen Ort. Ein brennender Schmerz zog plötzlich durch sein linkes Bein. Es fühlte sich an, als würde jemand ein Messer in seinen Oberschenkel rammen oder ein glühendes Eisen auf seine Haut pressen. Mit einem schmerzerfüllten Schrei lockerte er ungewollt seinen Griff und stürzte die gut fünf Meter, die er erklommen hatte, wieder hinab. Dabei zog er sich weitere Verletzungen zu und brach einige Äste ab. Zuletzt schlug er mit dem Kopf auf das Ende eines zuvor abgebrochenen Astes. Durch die Kraft des Sturzes bohrte sich das abgebrochene Astende tief in sein Gesicht und riss einen Teil seiner Nase ab. Danach schlug Georgy auf den Waldboden auf.
   Nicht weit von seinem Freund entfernt, fand auch das Leben von Georgy ein grausames Ende. Ein Ende, in lähmender Kälte und in der absoluten Ungewissheit darüber, warum er hatte sterben müssen.



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