MARC PAIN

Eiskalte Verbrechen



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   ISBN: 9783947220052  •  Seiten: 244  •  Preis: 12,00 €   

13. Januar 1879

Der Winter hatte Hamburg voll in seinem eisigen Griff. Das Pflaster der Straßen lag unter einer zentimeterdicken Schicht Neuschnee. Ebenso waren die Hausdächer, die Stufen hinauf zu den Eingängen und die Schuten auf den teils zugefrorenen Fleeten zugeschneit. Vor dem Aufgang zur Hausnummer 23 machte ich meine Pfeife aus, als mir Spuren auffielen. Es waren Pfotenabdrücke eines Hundes, die in den Hinterhof des Kommissariats führten. Ich hatte keine Eile, also folgte ich meiner Neugier und den Spuren im Schnee. Sie endeten bei einer umgestürzten Mülltonne, in welche die umliegenden Haushalte ihre Essensreste entsorgten. Vor der Tonne stand ein großer Hund, der seine Nase tief in den Müll steckte, auf der Suche nach Fleischresten oder anderen schmackhaften Überresten. Als ich nähertrat, bemerkte mich der Hund, der mir fast bis zur Hüfte reichte. Sein braunes Fell war zerzaust und an manchen Stellen verfilzt.
»Na mein Guter«, sprach ich zu ihm, »hast du etwas Leckeres finden können?«
Das Wedeln seiner Rute verriet mir, dass er mir nicht böse gesinnt war. Sein struppiges Fell und das Plündern der Mülltonne hatten mich zu der Annahme verleitet, dass ich es hier mit einem Streuner zu tun hatte. Ich störte mich nicht an den Straßenhunden Hamburgs. Die meisten waren lieb und lediglich auf der Suche nach etwas zum Fressen. Da kam es unter den Menschen erheblich häufiger zu Quertreibern.
Ich durchsuchte die Taschen meines Mantels, doch führte ich nichts zum Essen bei mir, was ich dem hungrigen Burschen hätte hinwerfen können. Stattdessen griff ich zu meiner Pfeife und entzündete sie. Der Streuner hatte beschlossen, dass von mir keine Gefahr ausging und widmete sich wieder ausgiebig der Tonne mit dem Müll. Mit seinen Pfoten grub er bis zum Boden und holte den stinkigen Abfall hervor. Mir zog sich dabei der Magen zusammen. »Wie kannst du das nur fressen?«, fragte ich voller Abscheu. Der Hunger wird es hineintreiben, antwortete ich mir selber.
Plötzlich reckte der Streuner die Schnauze in die Luft und stand ganz still da. Ich konnte sehen, wie er die Luft aus den Nasenlöchern stieß. Die Kälte machte nicht nur meinen Atem sichtbar. Der Hund wandte sich von der Tonne ab und bellte.
»Was ist los?«, fragte ich. Doch der Streuner reagierte nicht auf meine Stimme. Er bellte weiter und streckte immer wieder die Schnauze in die Luft. Mit einem Mal sah er mich direkt an, bellte und richtete anschließend die Nase auf den Boden. Schnüffelnd machte er sich auf den Weg, den Hinterhof des Kommissariats zu verlassen.




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