MARC PAIN

Der Jäger



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   ISBN: 9783947221004  •  Seiten: 480  •  Preis: 14,90 €   

Robert nahm das halb vertrocknete Blatt in die Hand. Die charakteristischen Spitzen krümmten sich, derzeit nach oben, und wirkten dabei wie eine Hand, die einen Gegenstand wog. Das Chlorophyll hatte sich in die Blattmitte zurückgezogen und wanderte von dort weiter in Richtung Stiel hinab. Mit reichlich Fantasie, der Fantasie eines Kindes, zeichnete das Blattgrün ein deutliches Bild auf das Stück Laub.
»Ein Herz«, sagte Bob und sah vom Blatt auf, das er sich beiläufig in die Bauchtasche seines Hoodies schob, in der er seine Hände verbarg.
Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Als Carolin das Wort Liebe ins Spiel gebracht hatte, begann es, Robert zu überfordern. Keiner von beiden wusste, was Liebe ist, doch hätten die Gründe dafür nicht unterschiedlicher sein können.
Sie, ein zwölfjähriges Mädchen, wusste nicht, wovon sie sprach. Nur ein Leben voller Erfahrungen hätte ihr ermöglichen können zu verstehen, was wahre Liebe ausmachte. Er, ein gleichaltriger Junge, war verdammt, niemals dasselbe empfinden zu können wie sie. Nicht auf die gleiche Art. Nicht, ohne ihr dabei zu schaden.
Als das Schweigen zwischen den beiden eine peinliche Länge erreicht hatte, war sie aufgesprungen und losgerannt. Robert hätte keinen besseren Augenblick dafür wählen können. Sie waren füreinander bestimmt.
Robert ließ das Mädchen tiefer in den Wald laufen, weg von ihrem Elternhaus. Ihr war nicht klar, dass er die Richtung vorgab, sie bewusst lenkte und in die entlegene Natur trieb. Noch war er unsicher, wann er aus dem harmlosen Fangspiel tödlichen Ernst werden lassen würde. Unsagbar oft hatte er sich dieses Szenario vorgestellt; das Jagen und Töten an Tieren erprobt.
Dieser Teil des Waldes befand sich in einem Naturschutzgebiet. Hierhin verirrten sich nur selten Wanderer; und den Revierjägern war es nur unter großen Auflagen erlaubt, ihren Dienst zu versehen. Die Bäume waren ausschließlich alt und groß. An diesem Ort herrschte die Natur. Hier schlug er zu.
Drei weite Schritte, dann war er an ihr dran. Er schlang seinen linken Arm von hinten um ihre Schulter und den Hals. Das Messer befand sich in der Bauchtasche seines Pullovers. Dort störte es beim Laufen nicht und konnte ihn nicht verletzen, sollte die Klinge unverhofft hervorspringen. Er zog es mit der Rechten … er zögerte kurz. Immerhin wollte er es richtig machen. Es war nun mal nicht dasselbe, wie wenn man einer Ratte, einem Hund oder einem anderen Tier den Hals durchschnitt.
»Du kannst mich loslassen, Bob.«
Caro hielt es noch für einen Spaß, das verschaffte ihm weitere Sekunden. Er drehte sie zu sich um. Von dem Messer hatte sie nicht einmal Notiz genommen, jedoch fiel ihr sein verändertes Wesen auf. Er war aufgeregter, als er gedacht hätte, beinahe nervös. Mit seinem Blick fixierte er ihren Hals.
»Was ist mit dir?«
War das Angst, die er in ihrer Stimme hörte?
»Du hast gewonnen, hast mich gefangen! Kannst mich wieder loslassen, Bob.«
Ja, es war Angst.
Er presste seine schwitzige Hand gewaltsam zusammen, um das Messer bloß nicht zu verlieren.
Dann holte er aus ...

Der 1. Fall des Ermittlerduos Dunn&Kuhn



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