MARC PAIN

2508: Der Zwischenfall auf Europa



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   ISBN: 9783738033427  •  Seiten: 23  •  Preis: 0,99 €   

Zusammen mit den anderen Arbeitern betrat Pan das Sektorschiff. Mehrere Hundert Menschen fanden auf den verschiedenen Decks des großen Raumschiffs Platz. Jeden Tag beförderten sie Millionen von Arbeitern und brachten sie zu den zahllosen Baustellen, die sich bis in die entlegensten Winkel des Sonnensystems erstreckten.
   Das Sektorschiff, in das Pan jeden Morgen stieg, flog zum Jupitermond Europa – einem der größten Monde des Gasriesen. Am Nordpol des eisigen Trabanten ging er seit eh und je seiner Arbeit nach. Dort, an den Polen, befanden sich die Schaltzentralen der Tiefsee-Bohranlagen, welche am Grund des unterirdischen Ozeans zur Gewinnung von Eisen und anderen Edelmetallen genutzt wurden. Nach der Förderung wurde das gewonnene Eisenerz, noch auf Europa, zu Sinter verarbeitet. Gemeinsam mit den Erzbrocken, die direkt im Hochofen weiterverarbeitet wurden, wurde das Erz in große Kisten abgefüllt und auf Lastenschiffe geladen.
   Mithilfe der Lastenschiffe wurden Bodenschätze aus allen Ecken des Sonnensystems zusammengetragen, wobei die einschmelzbaren Erze zu den gigantischen Zentralöfen befördert wurden. Noch während des Gießvorgangs wurde ein Teil des Roheisens zu Fertigprodukten, der Rest, nach dem Einschmelzen, zu Stahl gefertigt.
   Wo sich die Hochöfen befanden und wohin der Stahl und die Eisenprodukte nach ihrer Herstellung gebracht wurden, das entzog sich Pans Kenntnis. Für seine Arbeit war dieses Wissen nicht notwendig und deshalb machte er sich darüber keine Gedanken.
   Während des Flugs zum Jupitermond sprachen die Arbeiter im Sektorschiff nicht miteinander. Das lag zum einen daran, dass sie sich schlichtweg nichts zu sagen hatten. Ihre Arbeit erforderte keine Absprachen. Neuigkeiten oder Änderungen, die den Arbeitsablauf betrafen, wurden ihnen, sofern dies nötig war, auf dem Mond, durch höherrangiges Personal, mitgeteilt.
   Jeden Morgen gab es eine kurze Einweisung, zumeist für die neuen Arbeiter. Beinahe täglich gab es junge Männer, die ihren ersten Arbeitstag auf dem Jupitermond absolvierten. Genau wie Pan, wird ein jeder von ihnen, fortan, auf Lebenszeit, auf dem eisigen Trabanten seinem Beitrag zum System leisten. Der Rekrutenansturm glich die immense Sterberate aus und deshalb interessierte man sich nicht für seinen Kollegen – jeder war ein austauschbares Werkzeug.
   Circa eine halbe Stunde nach dem Verlassen der Erde setzte das massive Sektorschiff zur Landung an. Es dockte an einer der Basen an, die sich über die gesamte Mondoberfläche verteilten und durch Einschienenbahnen, ähnlich wie die Zweigstellen eines Spinnennetzes, miteinander verbunden waren. Diese Hauptbasis war der Kontrollpunkt dieses Arbeitssektors, von dort aus wurde das Geschehen auf Europa gelenkt und verwaltet.
   Auf dem Jupitermond herrschten lebensfeindliche Zustände. Deshalb mussten sich die Arbeiter schützen, bevor sie in die Mondbahn steigen konnten, die sie zu ihren endgültigen Einsatzorten beförderte.
   Die Schutzanzüge, eine Kombination aus Raumanzug und Exoskelett, wurden in der Hauptbasis ausgegeben. Alle Anzüge wurden während der Ausgabe registriert und Europa, einen anderen Mond oder Einsatzort, durfte erst nach der Abgabe des Schutzanzuges wieder verlassen werden.
   Neben den Anzügen wurde auch eine energiereiche Nahrung, in Form eines praktischen Portionsbeutels – aus dem man die Nahrung direkt in den Mund drückte, verteilt. Als Pan den Energiebrei zu sich genommen und den Schutzanzug angelegt hatte, stellte er sich an das Ende einer langen Schlange, vorm Schott zur Mondbahn, und wartete abfahrt- und einsatzbereit darauf, dass die Bahn einfahren würde.
   Es zischte, es piepte und Pan reihte sich gedankenlos ein – er war ein gewöhnliches Glied, einer Kette, deren Zweck er nicht verstand, ja nicht einmal die Länge erahnen geschweige denn sehen konnte. Wieder zischte und piepte es und er befand sich im Inneren der Einschienenbahn.
   Während die Bahn über die Mondoberfläche raste, blickte Pan geistesabwesend aus dem Fenster. Der aufgehende Gasriese am Horizont des Trabanten, war zusammen mit der Sonne, das markanteste Objekt am dauerhaft schwarzen Himmel.
   Die Basis, an der er aussteigen musste, befand sich ziemlich genau auf der gegenüberliegenden Seite des Startpunktes. Mit jedem Halt leerten sich die zahllosen Stehplätze in der Bahn, bis er fast allein in dem Abteil stand.
   „Mondbasis E-67“, sagte eine elektronische Stimme.
   Auf diese Durchsage hatte Pan gewartet. Während die Bahn einfuhr, begab er sich wie ferngesteuert zur Tür. Als sie zum Stehen kam und die vollautomatisierten Türen aufsprangen, verließ er, zusammen mit den verbliebenen Arbeitern, den Wagen.
   Augenblicklich schlossen sich die Türen und die Bahn raste los.
   Das Eisenerz wurde an den Bereichen zutage getragen, an denen der Grund des Ozeans, der sich unter einer dicken Eiskruste verbarg, in erreichbarer Tiefe lag. Für die Wartung der gewaltigen Bohrer und die Instandhaltung der Pumpanlagen war das Arbeiterteam um Pan verantwortlich. Die groben Gesteinsbrocken, die durch das Bohren gelockert wurden, beförderten die Pumpschläuche an die Oberfläche des Mondes. Manchmal kam es zu Ausfällen, die nicht von der Mondoberfläche aus zu beheben waren. In solchen Fällen kamen Arbeiterteams am Grund des Ozeans zum Einsatz.
   Von allen auf Europa stationierten Arbeitern waren sie, die in der Tiefsee arbeiteten, den größten Gefahren ausgesetzt. Die Sterberate dieser Gruppe lag abschreckend hoch. Unterseeische Geysire und hinabstürzende Gesteinsbrocken verbrannten, beziehungsweise, zerquetschten beinahe stündlich einen Arbeiter. Was nicht bedeutete, dass die Geysire an der Oberfläche für weniger Schaden sorgten. Am Häufigsten wurden unachtsame Personen von der Wasserdampffontäne ins All geschleudert, doch auch die eine oder andere Basis oder Gerätschaft ist der Naturgewalt bereits zu Opfer gefallen.
   An ausreichend Nachschub, an tatkräftigen Männern, mangelte es nicht. Damit der Strom an Arbeitskräften niemals abriss, dafür sorgte das System. Ein Menschenleben war nicht sonderlich viel wert und über das Ableben machte sich keiner unnötige Gedanken. Wenn jemand starb, mit dem man bis dato zusammengearbeitet hatte, wurde sein Platz schnellstens neu besetzt und alles nahm seinen gewohnten Lauf.
   Aus Pans Sicht ging dieser Tag reibungslos über die Bühne. Die Pumpanlage hatte nicht einen Aussetzer und keiner der Schläuche wurde durch einen zu groß geratenen Gesteinsbrocken blockiert. Keiner der Bohrer lief heiß oder stand auch nur eine Sekunde lang still.
   Erst als das Signal für den Schichtwechsel erklang, machte sich die Arbeitergruppe wieder auf den Weg zur Mondbahn, die sie zurück zur Zentralbasis brachte.
   Weil jeder Tag einen nahezu identischen Ablauf hatte, befasste sich Pan nicht mit irgendwelchen Eventualitäten, die ihn aus der gewohnten Bahn werfen könnten. Und eben aus diesem Grund wusste er nicht, wie er mit der folgenden Situation umgehen sollte.
   Angekommen an der Zentralbasis verließ er zügig die Mondbahn und stellte sich an einem der Abgabeschalter an, um seinen Anzug zurückzugeben. Die Schlangen vor den Schaltern waren lang und das Gedränge dementsprechend groß.
   Nur schleppend ging es voran.
   Plötzlich krachte es. Der Krach rührte von einer Explosion her, die Pan und die anderen Wartenden nur indirekt vernahmen. Etwas im Hangar schien hochgegangen zu sein, was die Umstehenden nicht zu interessieren schien. Auch Pan schenkte der Explosion keine weitere Beachtung und drehte sich mit dem Gesicht nach vorn und schaute auf den Hinterkopf seines Vordermanns.
   Erneut drangen ungewöhnliche Geräusche aus dem Hangar, der vom Wartebereich aus nicht einzusehen war. Es klang nach etwas, das nicht planmäßig verlief. Unruhe machte sich breit. Auch andere Arbeiter glaubten, die Lage richtig einzuschätzen, und es mit einem Ausnahmefall zu tun zu haben.
   „Dort wird der Antrieb eines Lastenschiffes den Geist aufgegeben haben. Das ist kein Grund, um hier rumzutrödeln“, rief einer der Vorarbeiter hinter einem der Schalter hervor.



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