MARC PAIN

2505: Ganymeds Untergang



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   ISBN: 9783738033397  •  Seiten: 21  •  Preis: 0,99 €   

Das Raumschiff schwenkte in die Umlaufbahn des Jupitermondes ein und steuerte auf die raue Oberfläche zu. Vor einem Gebirgskamm schaltete der Pilot die Rückstoßdüsen ein und richtete sie auf die Felswand aus, die mit einer dicken Eisschicht bedeckt war. Langsam glitt das Schiff im Tiefflug den Hang entlang. Eine Weile folgte es dem Gebirgslauf, bis sich plötzlich eine Schlucht auftat. Der Raumgleiter bremste kurzerhand ab, flog zeitgleich einen Bogen und stürzte sich vornüber in den schmalen Spalt. Dabei stieß er gegen Teile der hervorstehenden Eisschicht, die abbrachen und dem Schiff hinterherstürzten, bis alles in der Finsternis verschwand.
   Die Schlucht reichte weit in das Gebirgsmassiv hinein und wurde allmählich zu einem gigantischen Höhlenkomplex. Grüne, blaue, gelbe und weiße Lichter schienen von den Wänden und wiesen dem Raumschiff von nun an seinen Weg. Die meisten Lichter sollten den Flugverkehr regeln, andere markierten die Hangars der verschiedenen Abschnitte und die übrigen gehörten zu den zahllosen Laboratorien, Fabriken, Wohnzellen und all den anderen Räumlichkeiten, die zu dieser Mondbasis gehörten.
   Der Gleiter drosselte seine Geschwindigkeit und steuerte auf zwei rot blinkende Lämpchen zu. Die Schotten des Hangars öffneten sich, das Raumschiff flog hinein, und noch während es die Landestützen ausfuhr und aufsetzte, schlossen die Hangartore sich wieder.
   »Wir befinden uns auf der Ganymedbasis, in Sektor 7 – unterste Ebene«, sagte der Pilot, der im Durchgang von der Brücke zum Passagierraum stand.
   »Ist der Professor schon da?«, fragte ein Mann, der in einem der vier Sessel dieser Privatmaschine saß und mit seinen Leibwächtern sprach.
   »Er erwartet Sie, Sir«, antwortete der schnellere der beiden, nachdem er eine kurze Rücksprache per Headset gehalten hatte. Der Mann stand aus dem Sessel auf. Auf dem Kopf trug er die Kapuze eines langen Mantels. In Begleitschutz verließ die hochgewachsene Person den Gleiter und betrat die Hangarplattform. Vorbei an schwer bewaffnetem Sicherheitspersonal, von denen niemand Anstalten machte, die Drei aufzuhalten.
   »Das Büro des Professors befindet sich im hinteren Teil«, sagte einer der Leibwächter und deutete einen gähnend langen Flur hinauf. Der Mann mit der Kapuze hatte eine menschliche Gestalt, nur seine enorme Größe verriet seine wahre Herkunft. Die Personenschützer gehörten zu der Rasse der Godén. Ihre Haut war feuerrot, die Augen pechschwarz und deren Schultern viel zu breit, wenn man den kleinen Kopf in Betracht zog.
   »Sir Isaac – wie schön, dass Sie mich hier besuchen. Es ist alles vorbereitet!« Der kleine hagere Mann, der soeben gesprochen hatte, kam hinter seinem Schreibtisch hervor und streckte Isaac seine Hand zur Begrüßung entgegen.
   »Ich hoffe, dass alles zu meiner Zufriedenheit ist und ich nicht WIEDER mit Schwierigkeiten zu rechnen habe … so wie beim letzten Mal!« Isaacs Stimme war ruhig und leise, seine Augen verbargen sich im Schatten der Kapuze.
   »Alles zu Ihrer Zufriedenheit«, wiederholte der Professor. »Es wird alles nach Plan verlaufen – keiner meiner Angestellten hat sich einen Fehler geleistet.«
   »Es ist deine letzte Chance Janus!«
   »Ja Sir – es wird keine Schwierigkeiten geben«, sagte Professor Janus kleinlaut.
   »Worauf warten wir?«, fordernd deutete Isaac zur Tür.
   »Ja Sir – sofort Sir!« Der Professor ging zurück zu seinem Schreibtisch und zog eine Schublade auf. Er nahm sich einen Brief daraus, steckte ihn in die Tasche seines Laborkittels und verließ das Büro.

»Sind Sie bereit Sir?«, fragte der Professor.
   »Machen Sie schon!«, hetzte Isaac, der auf einem Stuhl saß, angeschlossen an ein Gerät. Etliche Schläuche und Kabel führten zu seinen Armen, Beinen, dem Rücken oder der Brust. Die größte Anzahl verlief jedoch am Kopf zusammen. Isaac hatte seinen Mantel in der Zwischenzeit ausgezogen und seinen Kopf damit freigelegt. Er hatte keine Haare und keine gewöhnliche Glatze; Isaac, der zur Rasse der Eideten gehörte, hatte ein ausgeprägtes Gehirn, dessen Windungen am oberen Teil des Kopfes, der eine offene Schädeldecke besaß, deutlich zu sehen waren. Man konnte die Adern pumpen sehen, wie sie das Hirn mit Blut versorgten. Das Gehirn lag jedoch nicht ungeschützt frei. Die Kopfhaut des Eideten war hart und widerstandsfähig, beinahe wie die eines Krokodils.
   Isaac schloss die Augen und ließ sich entspannt in den Stuhl fallen, während Professor Janus die Maschine einschaltete. Ein reflexartiges Zucken durchfuhr kurzzeitig den Körper des Eideten. Danach bewegten sich nur noch die Augen unter den wild zitternden Lidern. Der Professor behielt die verschiedenen Monitore im Blick, überflog die seltsamen Zeichenreihenfolgen, die wie Kaskaden über die Displays hinweghuschten. Zufrieden nickte er, weil der Computer offenkundig keine Fehler machte und alles in Isaacs Sinne verlief.
   Stundenlang zeichnete der Computer alles auf, was das Hirn des Eideten ihm übermittelte. Professor Janus wurde allmählich ungeduldig und so zufrieden, wie zu Beginn des Versuches, war er längst nicht mehr. Auf der Stirn des runzligen Mannes traten Schweißperlen hervor und mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er skeptisch die veränderten Zeichenstränge, die seit der letzten Stunde auf allen sechs Monitoren zu sehen waren.
   Zunehmend unruhiger sah man ihm den Zwiespalt an, in dem er sich befand: Sollte er das Experiment stoppen oder weiterlaufen lassen?
   Er entschied sich, es nicht zu unterbrechen und nur wenige Minuten später hörte die Übertragung auf. Alle Bildschirme waren schwarz und leer. Isaac hatte das Experiment beendet. Seine Augen zuckten nicht länger unter den geschlossenen Lidern. Er blinzelte, öffnete sie und richtete sich auf.
   »Hat er ausnahmslos aufgezeichnet? Alles – von Anfang bis Ende?«
   »Ja Sir! Alles!«
   »Kam es zu Komplikationen?«
   Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte Professor Janus und antwortete: »Nein.«
   »Nein?«, hakte Isaac nach, obwohl er sich der Antwort längst im Klaren war.
   »Die Zeichenfolge, die während der letzten Stunde aufgezeichnet wurde, weist Algorithmen auf, die untypisch sind.«
   »Untypisch?« Die baritontiefe Stimme des Eideten wies nicht das leiseste Anzeichen von Unruhe auf. Ganz im Gegensatz zum Professor; er war schweißnass und seine Stimme klang zittrig.
   »Ich – ja, untypisch!«, bekräftigte er. »Das muss nicht gleich etwas Schlechtes zufolge haben«, versuchte er sich rauszureden. »Ich kann da im Augenblick nichts zu sagen. Zuerst muss ich wissen, was Sie getan haben, Sir. Was sollte das Gerät aufzeichnen?«
»Sah es nach einer Manipulation aus?«, stellte Isaac eine Gegenfrage.
   Professor Janus schluckte schwer und sagte heiser: »Das kann ich nicht ausschließen.«
   »Wurden wir geortet? Hat die Abschirmung funktioniert?« Die Ruhe in Isaacs Stimme wurde mittlerweile von einer bestimmenden Kraft begleitet.
   »Ich glaube«, war definitiv die falsche Antwort des Professors. Isaac sah ihn mit einem konzentrierten und durchdringenden Blick an. Er fesselte den Professor an sich; Janus wagte es nicht, wegzuschauen. Er konnte es nicht, durch tiefe Faszination dazu gezwungen. Dann fiel er tot um. Er sackte zusammen, mit dem Gesicht voran schlug er auf dem Boden auf.
   Isaac zog die Kabel ab und erhob sich aus dem Stuhl. Er ging an der Leiche des Professors vorbei, ohne ihr eines Blickes zu würdigen und trat an die Computerkonsole heran.
   »Schafft ihn in den Frachtraum des Gleiters«, sagte er gelangweilt und deutete über die Schulter hinweg auf den Professor. Einer der beiden Leibwächter, die bislang teilnahmslos neben der Eingangstür gestanden hatten, machte sich umgehend an die Ausführung des Befehls. Ohne Schwierigkeiten schmiss er sich den leblosen Körper über die breite Schulter und marschierte mit ihm aus dem Laborraum.
Isaac lud währenddessen die Informationen des Rechners auf ein Speichermedium und steckte es nach dem Transfer ein. Im Herausgehen schnappte er sich seinen Mantel, zog ihn an und setzte die Kapuze auf.
   »Du weißt, was du zu tun hast!«, sagte er und verließ das Labor. Der Leibwächter holte etwas von der Größe einer Briefmarke aus seiner Hosentasche; eine neuartige Sprengladung, eine Erfindung von Janus, nach der Vorstellung von Isaac angefertigt. Sie haftete eigenständig am Gehäuse eines Monitors. Mehr war nicht zu tun, der Leibwächter folgte seinem Meister den langen Stationsflur entlang.



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