MARC PAIN

2500: Eine Zukunfts-Novelle



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   ISBN: 9783847609537  •  Seiten: 72  •  Preis: 1,99 €   

Das Signal ertönte und Pan öffnete seine Augen. In einer fließenden aber zugleich steif wirkenden Bewegung richtete er sich auf. Zeitgleich setzte er mit den Füßen auf dem Boden auf und erhob sich. Die Arme legte er an den Körper an und stand in strammer Haltung vor seinem Bett. Zwischen dem Ertönen des Signals, dem Aufwachen, Wachwerden und dem Aufstehen waren gerademal fünf Sekunden vergangen. Seine Bewegungen wirkten beinahe wie die einer Maschine, wie die eines Humanoiden, aber eben nicht, wie die eines Menschen.
   Normalerweise wäre er ohne zu zögern ins Bad gegangen, um sich in wenigen Schritten für die Arbeit in seinem Sektor fertigzumachen. Viel Zeit ließ er dabei für gewöhnlich nicht verstreichen. Jeder Tag war aufs Genauste durchstrukturiert und bot keinen Raum zum Rumtrödeln. Er tat das, ausschließlich das, was seiner Aufgabe diente. Immer, wenn das Signal ertönte, stand er auf und exakt zehn Minuten später verließ er seine Wohnzelle. Eine Viertelstunde nach dem Erklingen des Signals verließen alle Arbeiter ihre Wohnräume und machten sich auf den Weg zur Arbeit. Sie taten dies jeden Tag. Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr. Ihr Leben lang.
   Doch nun, erstmals in seinem Leben, tat Pan etwas Ungewöhnliches, etwas, das nicht der Vorschrift entsprach – und zwar gar nichts. Er stand vor dem Bett und wartete. Warum und worauf, das wusste er nicht. Bisher hatte nicht nur die Zeit zum Nachdenken gefehlt, er konnte schlichtweg an nichts anderes denken, als an das, was für seine Arbeit notwendig war. Und dennoch stand er da und fragte sich: Warum soll ich zur Arbeit gehen?
   Schockiert schlug er sich die Hand vor den Mund, in der Hoffnung, seine Gedanken damit zum Schweigen bringen zu können. Noch nie hatte er etwas hinterfragt. Das war Zeitverschwendung und kontraproduktiv. Obendrein war es verboten und zugleich unmöglich.
   Jetzt konnte er es und fragte sich: Wieso hab ich diese Gedanken? Warum kann ich mir diese Fragen stellen? Was hat das alles zu bedeuten?
   Die neuen Gedanken verwirrten und ängstigen ihn. Außerdem war er über alle Maßen verwirrt. Bislang hatte noch keine Situation seine Fähigkeiten überstiegen. Er hatte nie etwas tun müssen, von dem er nichts verstand. Durch seine Aufgabe definierte er sich, er lebte dafür, ohne sich jemals gefragt zu haben: warum, wofür und weshalb?
   Es war gar so, als wären all diese Fragen seither unterdrückt worden und hätten sich im Geheimen zu einer gefährlichen Last angehäuft. Und jetzt brachen sie über ihn herein und erschlugen ihn regelrecht.
   Die Flut aus Fragen übermannte ihn. Zum ersten Mal verspürte er Angst. Auch wenn er dieses Gefühl nicht benennen konnte, unterlag er den lähmenden Auswirkungen. Es war eine andere Welt, die er nach dem Aufstehen betreten hatte. Eine furchteinflößende Welt, deren Grenzen er nicht einmal erahnen konnte.
   Wie kann ich diese Gedanken wieder loswerden?, fragte er sich, ohne zu wissen, zu welch seltenem Besitz er über Nacht gelangt war. Jetzt, da er sich Fragen stellen konnte, schien sein Gehirn für nichts anderes mehr empfänglich zu sein.
   Seit fünf Minuten stand er jetzt schon vor dem Bett und beschäftigte sich allein mit seinen Gedanken. Nur schwer konnte er sich losreißen, und zog geistesabwesend seine Hose an. Verwirrt, wie er war, vergaß er an diesem Tag das Duschen, und folgte nicht dem minutiös vorgegebenen Tagesablauf. Er machte sich für die Arbeit fertig, weil er nicht wusste, was er sonst hätte tun sollen.
   Das akkurat zusammengelegte Hemd lag auf der ebenso perfekt gefalteten Hose. Beides befand sich im obersten Fach eines Spinds. Darunter lag ein Sockenpaar nebst einer frisch gewaschenen Unterhose. In der untersten Etage standen seine Arbeitsschuhe und auf einem Bügel hing eine Jacke.
   Jeden Tag nach der Arbeit, warf er seine getragene und verschwitzte Kleidung in einen Wäscheschacht und jeden Morgen fand er sie gereinigt und feinsäuberlich zusammengelegt wieder vor. Darüber hatte er sich bislang keine Gedanken gemacht, genauso wenig über die geputzte Wohnzelle, die selbstreinigende Dusche und sein gemachtes Bett. Seine Haare wurden einmal in der Woche auf pflegeleichte drei Millimeter gestutzt und sein Bart rasiert - beides erledigte eine Robotereinheit. Alles war darauf abgestimmt, dass Pan ungehindert seiner Arbeit nachgehen konnte.
   Jetzt schien das unmöglich zu sein. Seine Gedanken machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Die Arbeit und seine Aufgabe verloren, um so länger er darüber nachdachte, immer mehr an Bedeutung für ihn.
   »Ich will das nicht! Ich darf das nicht!«, versuchte er sich selbst zu warnte und die Stimmen aus seinem Kopf zu verbannen. Sie ließen sich jedoch nicht verscheuchen oder fortwünschen. Etwas, dass das exakte Gegenteil war, fühlte sich für Pan unnatürlich an. Er begann sich zu fragen, warum es verboten war zu denken. Außerdem versuchte er sich vorzustellen, was wohl auf ihn zukommen würde, jetzt, da er dieses Verbot gebrochen hatte. Zunehmend überforderte ihn die Situation, ähnlich, wie es an einer Maschine der Fall gewesen wäre, deren Zweck man nicht verstand und sie nicht richtig zu bedienen wusste. Es glich einer Neugeburt, die Pan durchlebte: alles Vergangene zählte nicht mehr und die Zukunft war ungewiss.
   »Ich will, dass sie wieder verschwinden! Haut endlich ab!«, rief er aufgebracht. Es war ihm unbegreiflich, wie er das Verbot hatte brechen können. Vor diesem Tag war ihm nicht einmal bewusst gewesen, dass ein solches Leben überhaupt existierte.
   Nachdem er seine Hose angezogen hatte, legte er sich das Hemd über den Arm und ging ins Bad. Dort hielt er sein Gesicht unter laufendes kaltes Wasser. Er erhoffte, dadurch einen klaren Kopf zu bekommen und die bedrückenden Gedanken fortwaschen zu können.
   Vielleicht würden die Gedanken wieder verschwinden, wenn er ihnen keine Beachtung mehr schenkte. Möglich war es und Pan wollte es wenigstens versuchen.
   Er blickte in den Spiegel und stellte sich unweigerlich weitere Fragen: Warum bin ich hier? Weshalb tue ich Tag für Tag dasselbe, ohne mich zu fragen: Warum und wofür?
   Gedankenversunken zog er das Hemd an und knöpfte es zu. Plötzlich ertönte ein ohrenbetäubendes Signal. Es war nicht jener elektronische Piepton, der jeden Morgen erklang. Dieses Geräusch hatte er noch nie zuvor gehört. Übermäßig laut und schrill tönte es aus allen Sirenen in der kleinen Wohnzelle. Pan schlug sich die Hände auf die Ohren und verließ das Badezimmer. In jedem Zimmer hing eine Sirene an der Decke, die ohne Unterbrechung die dröhnenden Warnsignale ausstieß. Er war mit seinen Gedanken nicht vertraut und unter Druck misslang es ihm erst recht, eine Lösung für das Problem zu finden.
   Die Tür zur Wohnzelle schnellte auf. Mit einem Zischlaut verschwand sie augenblicklich in einem schmalen Spalt im Boden. Drei bewaffnete Polizisten in Schutzkleidung betraten den Flur, der in den offenen Wohn- und Schlafraum überging. Mit der Polizei war Pan noch nie in Konflikt geraten. Er hatte sich auch zu keinem Zeitpunkt etwas zuschulden kommen lassen.
   »Auf den Boden! Sofort!«, schrie einer der Polizisten. Die Mündungen ihrer Waffen richteten die gepanzerten Riesen auf seinen Kopf.
   »Hände hinter den Kopf und ab auf die Knie!«, rief der Polizist, als er bemerkte, dass Pan sich nicht regte. Maßlos überfordert mit der Situation, ließ er sich auf die Knie fallen und sah entgeistert in die Visiere der Polizisten, wo er in sein eigenes Spiegelbild blickte.
»Die Hände hinter den Kopf!«, wiederholte der Polizist ruhig, aber bestimmend. Langsam verschränkte er seine Hände hinter dem Kopf und sah sich einer aussichtslosen Situation gegenüber. Jetzt bereute er es, sich so viel Zeit gelassen zu haben. Er hätte direkt nach dem Aufstehen verschwinden müssen.
   Und was nun?



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